Was leisten Zentren zur Behandlung Querschnittgelähmter?

Rückenmarkverletzte werden in Zentren zur Behandlung Querschnittgelähmter behandelt
warum?

Einleitung

Wenn sich Skifahrer vor der Abfahrt Hals- und Beinbruch wünschen, meinen sie ja zum Glück das Gegenteil davon. Vor einem Beinbruch hat man als normaler Mensch vielleicht auch nicht so eine Angst, ein Beinbruch kann ja geheilt werden - mit Gips, Platten und Schrauben oder einem Nagel. Was aber ist ein Halsbruch? Das muss irgendetwas an der Wirbelsäule sein. Innerhalb der Wirbelsäule knapp hinter den Wirbelkörpern in einem knöchernen Kanal verläuft das Rückenmark. Es ist praktisch das "Nachrichtenkabel" des Gehirns an die Körperteile, an Blase, Darm und vieles mehr.
Halswirbelsäule Abbildung 1)
Kernspintomographie der Halswirbelsäule mit Darstellung des Rückenmarkes

Über das Rückenmark werden die Muskeln befehligt; komplexe Bewegungen wie das Gehen, das Greifen mit den Händen, aber auch die Atmung und die Blasenentleerung werden genauso wie die Sexualfunktion gesteuert ( sog. motorische Funktion). Von den Körperteilen werden über das Rückenmark auch Empfindungen an das Gehirn weitergemeldet, z.B. Wärme und Kälte, Schmerz, Druck, Berührung oder auch eine volle Harnblase, die drückt (sensible Funktion). Zusätzlich fällt die Steuerung aller der inneren Organe (Lunge, Herz- Kreislaufsystem, Magen-Darmtrakt, Hormon und Gerinnungssystem) auf Rückenmarkebene aus, es entwickelt sich der spinale Schock, der Monate anhalten kann. In einer ärztlich nicht abschätzbaren Zeit regulieren sich im weiteren Verlauf "ohne Steuerung von oben" diese lebenswichtigen Organsysteme unter Ausbildung "primitiver Reflexe" neu, mit allerdings erheblichen eventuell lebensgefährlichen Folgen, die Krankenhausbehandlung erforderlich machen.

Einteilung des Rückens in verschiedene Regionen: Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule

Die Wirbelsäule und entsprechend das Rückenmark haben einen sogenannten segmentalen Aufbau. Von der oberen Halswirbelsäule an bis zum Steißbein gehen jeweils an jedem Wirbelköperloch paarig vom Rückenmark die Nerven ab. Diese Nerven ermöglichen die willkürliche, kontrollierte "Bedienung" einzelner Muskeln oder Muskelgruppen und deren Zusammenspiel (Abb. 2).
Schema: Wirbelsäule Abbildung 2)
Wirbelsäulenaufbau mit Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule, Kreuz- und Steißbein

Je nachdem welche "Nachrichtenleitungen" (Bahnen) im Rückenmark geschädigt sind, können komplette oder inkomplette Lähmungen auftreten. Dies äußert sich, indem die Muskulatur nicht mehr angesteuert werden kann bei kompletter Lähmung, bei einer Teillähmung aber noch unterschiedliche Kraftgrade vorhanden sein können.
Bei Verletzung der Bahnen für die Schmerz-, Temperatur-, und Berührungsempfindung ist ebenfalls vom völligen Fehlen bis zur leichtergradigen Schädigung eine Abstufung möglich. In Abbildung 3 ist die Gliederung der Nerven für die Vorder- und Rückseite des Körpers dargestellt:
Segmentgliederung Abbildung 3)
Darstellung der sensiblen Versorgungsgebiete in segmentaler Gliederung(Quelle: D. Soyka, Kurzlehrbuch der klinischen Neurologie, Schattauer Verlag, Stuttgart)

Bei einer Schädigung des Rückenmarkes im Halsmarkbereich tritt bei hoher Lähmung im Gebiet des 2., 3., und 4. Halswirbels eine Atemlähmung auf. Ist das Rückenmark bis zum sechsten Halsnerven intakt, werden die Beugung im Ellbogengelenk und die Streckung der Hand im Handgelenk möglich sein, jedoch keine aktive Fingerbewegungen. Die gesamte Rumpf- und Beinmuskulatur ist dann ebenfalls gelähmt. Bei tiefen Lähmungen an der Lendenwirbelsäule wird oft nur die Kraft für die Fußhebung und -senkung, zusätzlich noch die Kraft für die Hüftstabilisation eingeschränkt sein. Ein "Watschelgang" wäre die Folge, eine Fußschiene ist zusätzlich notwendig.

Welchen Ablauf und welche tödlichen Folgen eine Verletzung der Halswirbelsäule mit zusätzlicher "Quetschung" des Rückenmarkes hatte und nach wie vor haben kann wurde vor über 100 Jahren folgendermaßen beschrieben:

Knochenbruch im Bereiche des 6. und 7. Halswirbelkörpers von einer 33 jährigen Frau (Auguste Ahrens); Aufnahme am 28. Juni 1893 in die Greifswalder Klinik, Tod am 5. Juli. Bei der Untersuchung nach dem Tod fand sich eine völlig quere Durchquetschung des Markes. Dementsprechend waren bei Lebzeiten neben freiem Sensorium (Sinnen) sensible und motorische Lähmung des Rumpfes und der unteren Extremitäten, auch teilweise Lähmung an den oberen Extremitäten vorhanden; dazu Harnverhaltung. In der Gegend des 6. Halswirbels fand sich im Nacken ein deutlicher Vorsprung; in Narkose liess sich derselbe ausgleichen. Behandlung mit Gewichtsextension am Kopfe (Glissonsche Schwinge) mit Hilfe eines schleifenden Kopfhalters; Lagerung auf Heberahmen mit guter Polsterung (Wasserkissen). Der Tod erfolgte unter dem Bilde einer Respirationslähmung (Atemlähmung) (Abb. 4).
Fraktur des 6. und 7. Halswirbelkörpers Abb. 4:
zeigt die Fraktur (den Bruch) der beiden Wirbelkörper und die Verschiebung des 7. Halswirbelkörpers nach hinten oben; hierdurch erfolgte die Verengung des Rückgratskanales und die Quetschung des Rückenmarkes. [aus Fracturen und Luxationen von H. Helferich, Bd. VIII, 3. Auflage, 1897].

Bei Verletzungen der Wirbelsäule mit zusätzlichen Nerven- oder Rückenmarkverletzungen, kommt es, je nach dem Ort der Verletzung (Hals-, Brust-, oder Lendenwirbelsäule) ab dieser Verletzungshöhe und darunter zu einer Querschnittlähmung. Allerdings liegen bei Wirbelsäulenbrüchen in bis zu 65% weitere erhebliche Begleitverletzungen vor, die zusätzlich weitere lebensgefährlichen Folgen haben. Lungen, Gehirn-, Schädel-, Bauch-, Becken-, Arm- und Bein- bzw. Weichteil oder Gefäßverletzungen können konsequenterweise nur in Kliniken der Maximalversorgung adäquat diagnostiziert und in einem interdiziplinären Behandlungsteam von u.a. Anästhesisten, Radiologen, Traumatologen, Orthopäden unter Verantwortung und Leitung eines "Paraplegiologen" (Facharzt zur Behandlung Querschnittgelähmter) versorgt werden. Die Behandlungszentren zur Behandlung Querschnittgelähmter sind deshalb, auch ökonomisch sinnvoll meist in Kliniken der Maximalversorgung integriert (Abb. 5a-c).

Luxation HWK 4/5
Abb. 5a-c:
Röntgenbilder einer 23 jährigen Frau nach Verkehrsunfall mit Verrenkung des 4. und 5. Halswirbelkörper a).
Wirbelsäulenoperation und Stabilisation in einem Behandlungszentrum für Querschnittgelähmte b) und c).

Das aus der Greifswalder Klinik 1883 beschriebene tödliche Schicksal von Auguste Ahrens nach Querschnittlähmung war noch bis ca. 1950 auch in Deutschland der übliche Krankheitsverlauf. Erst mit der Zusammenfassung der Verletzten und u.a. der Lagerungsbehandlung zur Vermeidung von Druckgeschwüren der Haut und der Errichtung von Behandlungszentren mit ihren speziellen Methoden konnte eine deutliche Verringerung der Morbidität und Verlängerung der Lebenserwartung nach Querschnittlähmung erreicht werden. Es droht nun aber der Rückfall, quasi in die medizinische Steinzeit in der Behandlung Querschnittgelähmter (vgl. unser Memorandum bzw. die Stellungnahmen der DMGP).

Rückenmarkschäden/Querschnittlähmung - Wie können sie entstehen ?

In Deutschland gibt es seit 1976 den Arbeitskreis der Querschnittgelähmtenzentren. Bei allen Patienten, die mit neu aufgetretener Querschnittlähmung in die Behandlung kommen, wird die Lähmungsursache erfasst und statistisch ausgewertet. Die Ursachen für eine Querschnittlähmung sind meist Verkehrs- und Arbeitsunfälle oder Erkrankungen (Abb. 6).
Ursachen der Querschnittlähmung Abb. 6)
Lähmungsursachen (Quelle: 10-Jahresstatistik des Arbeitskreises der Querschnittgelähmtenzentren; 1976 – 1986)

Wie aus dem Schaubild ersichtlich ist, machen die Verkehrs- und Arbeitsunfälle die Hauptursachen für eine Querschnittlähmung aus. Unter "Erkrankungen" fallen Gefäßmißbildungen am Rückenmark und Abszessabsiedlungen im Rückenmarkkanal; zahlenmäßig zunehmend sind Tochtergeschwülste (Metastasen) bei bösartigen Tumorleiden. Häufiger können Tumorabsiedlungen bei "Krebs" der Vorsteherdrüse beim Mann, bei Brustkrebs der Frau, bei Lungen-, Nieren-, oder Schilddrüsenkrebs in der Wirbelsäule auftreten. Auch bei Erkrankungen des Nervengewebes, wie bei Multipler Sklerose kann das Bild einer Querschnittlähmung entstehen. Durch Einnahme von blutgerinnungshemmenden Medikamenten kann es zu Einblutungen in den Rückenmarkkanal kommen. Aber auch durch Wirbelsäulen-, Bandscheibenoperationen oder Nervenwasserpunktionen und Rückenmarknarkosen können in selteneren Fällen Lähmungen entstehen.
Vom Grundsatz her kann das Rückenmark bzw. die abgehenden Nerven durch alles, was Druck auf sie ausübt, ob Knochenstücke, eine vorgefallene Bandscheibe, eine Einblutung, ein Abszess oder "drückendes" Tumorgewebe eine Schädigung mit nachfolgendem Funktionsausfall erleiden.
Grundsätzlich kann also jeder, jederzeit an einer Querschnittlähmung erkranken bzw. eine unfallverursachte erleiden und Spezialbehandlung benötigen.

Wieviel Querschnittgelähmte leben in Deutschland und wo werden Behandlungen wie durchgeführt?

Pro Jahr treten in Deutschland etwas über 1400 Fälle von neu aufgetretenen Querschnittlähmungen auf. Für die medizinische Behandlung stehen bundesweit flächendeckend 1139 Spezialbetten in 24 Zentren zur Verfügung. Eine auf die Belange der Querschnittgelähmten abgestimmte medizinische Therapie dieses weitaus komplexen Krankheitsbildes bemüht sich um die frühzeitige Erkennung bzw. Durchführung von Maßnahmen zur Vermeidung einer Vielzahl von Folgeerkrankungen und Folgeschäden wie z.B. Lungenentzündungen, Thrombosen, Lungenembolien, Hautweichteilschäden, Weichteilverknöcherungen (Abb. 7), Spastik, Schmerz, autonome Dysreflexie, Darmverschluß, Darm- und Blasenlähmung, Wirbelsäuleninstabilität, Spinale Blutungen, Kontrakturen, Körpertemperaturdysregultion und Kreislaufstörungen bis hin zu Herzfrequenzänderungen mit plötzlichen Herzstillstand, die sich in ihren Auswirkungen zusätzlich potenzieren und alle auf die Rückenmarkschädigung zurückgeführt werden müssen.
Weichteilverknöcherung der Hüftgelenke   nach Implantation künstlicher Hüftgelenke
Abb. 7) 35 Jahre alter Mann mit Querschnittlähmung nach Wirbelfraktur, Beckenbruch und Schädelbruch mit Weichteilverknöcherung der Hüftgelenke. Sitzen im Rollstuhl ist unmöglich. Erst nach Implantation von künstlichen Hüftgelenken ist die Beugefähigkeit der Hüften wiederhergestellt.

Diese nur beispielhaft genannten und nicht vollzählig aufgeführten Gesundheitsstörungen treten bei Querschnittgelähmten in ihrer komplexen Form akut, zeitlich unkalkulierbar und vor allem für den Patienten wegen der zerstörten Gefühlsempfindung unbemerkt immer wieder während der ersten 6-9 Monate nach Rückenmarkverletzung, in Abhängigkeit von Ausprägung bzw. Höhe der neurologischen Läsion, auf. Die medizinisch ärztliche und pflegerische Überwachung dieser Patientengruppe ist personalintensiv quasi auch auf einer sog. Querschnittstation während der ersten 6-9 Monate im Akutkrankenhaus nur unter den Bedingungen ähnlich einer Intensivstation realisierbar.

Eine sogenannte Frührehabilitation oder die Verkürzung der stationären Verweildauer oder die nicht spezialisierte Behandlung Querschnittgelähmter z.B. in Rehabilitationseinrichtungen führt zu einer nachweislich erheblichen Gesundheitsgefährdung und immer wieder belegt zu einer Minderung der Lebensqualität, Verkürzung der Lebensdauer und gesundheitsökonomisch vermeidbaren erheblichen finanziellen Belastung der Kostenträger.

Konkret ist die Krankenhausbehandlung z.B. eines Sitzbeindruckgeschwüres (Abb. 8a) , welches bei spezialisiert präventiv ausgerichteter Behandlung z.B. bei Versorgung mit individuellen Gel- oder Luftkammersitzkissen nicht aufgetreten wäre - wäre der Patient halt im Querschnittgelähmtenzentrum versorgt worden -, mit plastischer Rekonstruktion und gefäßgestielten Muskelhautlappen (Abb.8b) nur in einem Zentrum sinnvoll möglich.

Druckgeschwür Abb. 8a)
Druckgeschwür der Beckenregion mit Einbruch in das Hüftgelenk

 
Lappenplastik Abb. 8b)
Spezielle Lappenplastik zur Deckung des Weichteildefekts

Bei Tagespflegesätzen zwischen 950.- bis 1.250.- über einen Zeitraum von 4 -8 oder auch 12 Wochen addieren sich allein die stationären Behandlungskosten auf Beträge zwischen 28.500.- bis hin zu 105.000. Problematisch ist die Behandlung einer banalen Druckstelle allein deswegen, da der Patient nichts spürt, die Durchblutung gestört und die Wundheilung infolge hormoneller Entgleisungen verschlechtert ist. Bei Einbruch von infizierten Druckgeschwüre in Körperhöhlen (Bauch oder Blase bzw. Sexualorgane) oder in die Hüftgelenke entstehen die Behandlung erheblich verschlechternde Umstände, die sogar eine intensiv medizinische Behandlung über Monate erfordern.

Was ist anders bzw. besonders an den Behandlungszentren für Querschnittgelähmte? Worin unterscheiden sich die Zentren von andren Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen?

Ein auf die Belange der Querschnittgelähmten ausgerichteter Personalschlüssel berücksichtigt die Erfordernisse der pflegerisch höchst anspruchsvollen, aufwendigen und psychisch genauso wie physisch belastenden personalintensiven Pflege. Physiotherapie am Wochenende oder auch in der Nacht im Bereitschaftsdienst zur Behandlung von Atemstörungen oder des Kreislaufversagen ist erforderlich und muss gewährleistet werden, wie die in 6 stündigen Rhythmus erforderlichen Katheterisierungen der Blase oder das generelle Umlagern der Querschnittgelähmten alle 2 bis 3 Stunden. Bei einer 20 Bettenstation wird ist eine 3 Schichteinteilung mit einem Personalschlüssel von wenigsten 1:1 genauso erforderlich, wie mindestens ein Arzt im Hausbereitschaftsdienst, Beatmungsplätze können nur durch zusätzlich ausgebildetes Personal betreut werden. In diesem Zusammenhang sind erst Zentren mit einer Bettenzahl von mindestens 30 Betten betriebswirtschaftlich sinnvoll. Als optimal zeigen sich bisher strukturierte Zentren mit Bettenanzahlen von 60 -100, mit zusätzlicher Neurourologie zur Betreuung der urologischen Folgeerkrankungen der Gelähmten. Nur mit der Einbindung in die fachübergreifende Infrastruktur eines Krankenhaus der Maximalversorgung kann auf die zur Behandlung und Diagnostik benötigten umfassenden sofort abrufbaren medizinischen Spezialeinrichtungen wie Intensivstation, Gastroskopie, EKG, EEG, NMR, Spiral CT, Röntgen, Durchleuchtung, Angiographie, Labor, Op, Notfallaufname, Schockraum, Aufwachraum usw. rund um die Uhr zurückgegriffen werden.

Die Tatsache der Rollstuhlabhängigkeit und der schweren Körperbehinderung der Rückenmarkverletzten muss bei der Konzeption des Raumprogrammes genauso Berücksichtigung finden, wie ein dem hohen personellen Aufwand angepasste Bereitstellung von Arbeits-, Besprechungs- und Sozialräumen.
Die Verkehrswege des gesamten Krankenhauses und die der Patienten bezogenen Räume orientieren sich an dem erheblichen Platzbedarf der Rollstuhlfahrer und erfordern ein weit über die Normgröße bzw. Planungsdaten der Krankenhäuser hinausgehende Konzeption. Stationsbezogene Mindestausstattungen mit Elektro,- und Spezialbetten, Monitoren, Beatmungsplätzen (Abb. 9), Absauganlagen, Ruf- und Alarmsysteme, Lifter (Abb. 10), Umweltkontroll und Sprachsteuerungen von Kommunikationsanlagen, Vorhaltung von Medien, barrierefreie Sanitärräume usw. gehen weit, selbst über die Belange von Intensivbehandlungseinrichtungen hinaus, müssen aber letztlich auch finanziert werden.

Beatmungsplatz Abb. 9)
Spezialbett mit Beatmungsgerät, Monitor zur Überwachung und Kommunikationsanlage bzw. Überwachungssystem

 
Speziallift Abb. 10)
Speziallift zur Umbettung Schwerstverletzter bzw. bei Folgeerkrankungen und instabilem Kreislaufsystem

Erhebliche Anforderungen werden an die fachliche, psychische und menschliche Qualifikation des Behandlungsteams gestellt. Keine der in die Behandlung eingebundenen Berufgruppen wird speziell auf die Belange der Querschnittgelähmten hin ausgerichtet ausgebildet. Vielmehr kann Erfahrung in der komplexen Spezialbehandlung, übereinstimmender internationaler Meinung der Leiter der Spezialzentren in der Behandlung Querschnittgelähmter, nur durch langjährige umfassenden Versorgung und Nachbetreuung einer Vielzahl von Querschnittgelähmter allein in den Behandlungszentren erworben werden.

Welche Möglichkeiten der Behandlung einer Wirbelsäulenverletzung bzw. Wirbelsäulenerkrankung bietet die moderne Medizin ?

Bei einem frischen Bruch an der Wirbelsäule wird eine Einrichtung des Bruches (sog. Reposition) mit Wiederherstellung der normalen Wirbelsäulenform angestrebt. Bei Verlegung des Rückenmarkkanales und Druck auf das Rückenmark mit gestörter Nervenleitung wird der Spinalkanal freigelegt, um für Rückenmark und Nerven die Chance einer Erholung zu schaffen. Am besten lässt sich das Vorgehen an einigen Beispielen aus einer Klinik, z.B. dem Zentrum für Rückenmarkverletzte im Klinikum Bergmannstrost in Halle, erläutern.

Fall 1:
Ein 18-jähriger junger Mann stürzte beim "Mountain-biking" nach einem Überschlag auf den Kopf und erlitt einen Bruch des 2. Halswirbels; es handelte sich um eine sog. Dens-fraktur. Durch Druck auf das Rückenmark kam es zu einer Armlähmung beidseits, ein "zentrales Halsmarksyndrom" lag vor. Die Gefahr einer Atemlähmung bestand. Durch die Einrichtung und Verschraubung (Abb. 11) kam es zur knöchernen Ausheilung, die Kraft an den Armen und Händen erholte sich im Zeitraum von 4 Monaten nahezu wieder vollständig.
Densfraktur
Abb. 11

Fall 2:
Ein Bauarbeiter wird von einem herabstürzenden Balken am Rücken getroffen und erleidet einen Bruch des 12. Brustwirbelkörpers mit Einengung des Rückenmarkkanales und Querschnittlähmung der Beine mit Blasen- und Mastdarmstörung. Der Patient wird in einer auswärtigen Klinik voroperiert, die Einrichtung des Bruches gelingt nicht (Abb. 12). Nach Verlegung in unser Zentrum sofortige Nachoperation mit Wiederherstellen des normalen Wirbelsäulenprofiles und "Befreien" des Rückenmarkes. Da der Wirbelkörper zerstört ist und keine Last mehr aufnehmen kann, wird in einer weiteren Operation der vordere Teil des 12. Brustwirbelkörpers mit einem Titankörbchen rekonstruiert (Abb. 12). Glücklicherweise hat sich die Lähmung soweit zurückgebildet, dass der Verletzte zeitweise aus dem Rollstuhl aufstehen kann.
Rekonstruktion mit Titankorb
Abb. 12

Fall 3:
Eine junge Frau hat nach einem Bruch der Wirbelsäule, der nicht operiert wurde eine Fehlstellung mit Zerrüttung einer Bandscheibe an der oberen Lendenwirbelsäule und heftige Rückenschmerzen. Durch eine Operation mit Aufrichtung kann das Wirbelsäulenprofil rekonstruiert und eine Schmerzreduzierung mit deutlich verbesserter Lebensqualität erreicht werden (Abb. 13).

Seit kurzer Zeit besteht bei Wirbelsäulenoperationen die Möglichkeit, mit Hilfe der Computernavigation die Schrauben in den Wirbelkörpern optimal zu platzieren und damit das Risiko einer Fehllage von Schrauben mit weiterer operationsbedingter Schädigung des Rückenmarkes zu minimieren. Eine Millimetergenaue Planung und Operationsdurchführung ist möglich (Abb. 13 d).
in Fehlstellung verheilte Wirbelsäulenfraktur
 
Abb. 13

13 a und b zeigen das Röntgenbild der Wirbelsäulenfehlstellung vor und nach der Operation
 
OP mit Navigation   13c zeigt ein Bild während der Operation mit Schrauben in der Wirbelsäule und den bereits montierten Längsträgern.
Abb. 13d demonstriert die Möglichkeit mit Unterstützung des Computers an der Wirbelsäule navigiert mit hoher Präzision Schrauben zu verankern.

Derartige moderne Verfahren können leider nach wie vor nicht den Rückenmarkschaden heilen. Trotzdem haben gerade die Behandlungszentren für Querschnittgelähmte historisch in Deutschland die Entwicklung der Wirbelsäulenchirurgie maßgeblich beeinflusst und sind auch in die Entwicklung moderner minimal invasiver Operationsverfahren eingebunden, da gerade Querschnittgelähmte von solchen Techniken eben wie in Fall 3 beschrieben profitieren.

Was gehört zu den medizinischen Behandlungszielen der Querschnittgelähmtenzentren?

Zur Behandlung eines Wirbelsäulenschadens, sei es mit oder ohne Lähmungserscheinungen, gehört immer eine gute Nachbetreuung der Patienten. Diese mit dem Begriff der "parallel zur Akutbehandlung durchgeführten Rehabilitation" beschreibt nur verkürzt ein weiteres Charakteristikum des Behandlungsverlaufes. Frühzeitig eventuell noch auf der Intensivstation erfolgt die Aufklärung und Abschätzung der medizinischen Prognose flankiert durch Betreuung auch der Angehörigen durch die spezialisierter Psychologen des Behandlungsteams. Folgeschäden, Folgeerkrankungen oder Komplikationen der Querschnittlähmung führen bei räumlicher, örtlicher oder personeller Trennung in Akut oder Rehabehandlung zur Unterbrechung der Behandlung. Nicht so in den Querschnittgelähmtenzentren, da hier unter Leitung und Teamsupervision des Akutmediziners und Paraplegiologen zeitnah auf neue Diagnosen reagiert und eine entsprechende Adaptation und Neudefinition der Behandlungsziele unter dem Aspekt der Akutbehandlung erfolgt. Geübte Physiotherapeuten trainieren gezielt die Muskulatur, versuchen über den gesamten Behandlungszeitraum die Leistungsgrenze des Patienten anzuheben und ihn zu aktivieren. Hilfreich hierzu ist anfangs nach Wundheilung die Wassertherapie. Weitergehende Beübungen können nur in der wenigsten 2x täglichen, regelhaft 3-4x täglichen Einzeltherapien und frühestens zum Behandlungsende hin in der Gruppe erfolgen(Abb. 16).
schwimmen   Laufband   Abb. 16
Verschiedene, die Akutbehandlung begleitende rehabilitative Maßnahmen im Wasser, Laufband
Rollstuhltraining Bogenschießen oder in der Sporthalle fließen in die Behandlung zur Vorbereitung der nachstationäre Versorgung der Behinderten ein.

Ziele der medizinischen Krankenhausbehandlung sind:

Gerade bei Wirbelsäulenerkrankungen und -verletzungen mit Rückenmarkdurchtrennung ist es erforderlich, dass die behandelnden Ärzte das gesamte Repertoire der Behandlungsmöglichkeiten kennen und beherrschen, nur dann kann der Patient gezielt und individuell beraten werden. Für die Nachsorge der Patienten ist es erforderlich jederzeit und vor allem zeitlebens im "Paraplegiologen" den nötigen Ansprechpartner zu haben, so dass Spezialambulanzen den Zentren angegliedert zusammen mit den Hausärzten die Weiterbehandlung übernehmen.

Wie geht das Leben nach einer Rückenmarkverletzung weiter?

Eine Querschnittlähmung muss ein Betroffener erst einmal "verdauen". Mit einem Schlag hat sich das Leben geändert. Hilfestellung müssen die Angehörigen geben, ein Psychologe kann zusätzlich auf Probleme näher eingehen. Normalerweise wird bereits während des Aufenthaltes im Querschnittzentrum begonnen, das weitere Leben zu organisieren. Das Suchen einer rollstuhlgeeigneten Wohnung, die Verordnung von speziellen Hilfsmittel und ein spezielles "Alltagstraining" durch die Ergotherapeuten gehört dazu. Je nach Lähmungshöhe ist das Umschreiben des Führerscheines, eine Fahrnachschulung und damit die selbständige Mobilität mit dem PKW wieder gegeben. Im "Nachsorgeprogramm" des Querschnittzentrums ist auch die Weichenstellung für eine berufliche Umschulung und Kontaktaufnahme mit dem Rentenversicherungsträger oder Arbeitsamt enthalten.

Wichtig für die Betroffenen ist Botschaft "das Leben geht weiter". Durch Sportangebote, wie Rollstuhlbasketball, besteht die Möglichkeit andere Betroffene kennen zu lernen, die ihr Leben nach der Verletzung wieder in den Griff bekommen haben.

Bei Betroffenen mit Teillähmung der Arme und Hände kann nach eingehender Beratung und Prüfung der verbliebenen Muskelkraft durch spezielle operative Techniken und z.B. Sehnenumlagerung die Greiffunktion der Hände verbessert werden. Alle Bemühungen zielen darauf ab, das Handicap soweit wie möglich zu vermindern, damit die größtmögliche Selbständigkeit für Patienten erreicht werden kann.

 

Anhang:

Leistungsindex eines Querschnittgelähmtenzentrum:

Quelle:
www.qz-halle.de/querschnittzentren.htm
Nov. 2001

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