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Abbildung 1) Kernspintomographie der Halswirbelsäule mit Darstellung des Rückenmarkes |
Über das Rückenmark werden die Muskeln befehligt; komplexe Bewegungen wie das Gehen, das Greifen mit den Händen, aber auch die Atmung und die Blasenentleerung werden genauso wie die Sexualfunktion gesteuert ( sog. motorische Funktion). Von den Körperteilen werden über das Rückenmark auch Empfindungen an das Gehirn weitergemeldet, z.B. Wärme und Kälte, Schmerz, Druck, Berührung oder auch eine volle Harnblase, die drückt (sensible Funktion). Zusätzlich fällt die Steuerung aller der inneren Organe (Lunge, Herz- Kreislaufsystem, Magen-Darmtrakt, Hormon und Gerinnungssystem) auf Rückenmarkebene aus, es entwickelt sich der spinale Schock, der Monate anhalten kann. In einer ärztlich nicht abschätzbaren Zeit regulieren sich im weiteren Verlauf "ohne Steuerung von oben" diese lebenswichtigen Organsysteme unter Ausbildung "primitiver Reflexe" neu, mit allerdings erheblichen eventuell lebensgefährlichen Folgen, die Krankenhausbehandlung erforderlich machen.
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Abbildung 2) Wirbelsäulenaufbau mit Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule, Kreuz- und Steißbein |
Je nachdem welche "Nachrichtenleitungen" (Bahnen) im Rückenmark geschädigt sind, können komplette oder inkomplette Lähmungen auftreten. Dies äußert sich, indem die Muskulatur nicht mehr angesteuert werden kann bei kompletter Lähmung, bei einer Teillähmung aber noch unterschiedliche Kraftgrade vorhanden sein können.
Bei Verletzung der Bahnen für die Schmerz-, Temperatur-, und Berührungsempfindung ist ebenfalls vom völligen Fehlen bis zur leichtergradigen Schädigung eine Abstufung möglich. In Abbildung 3 ist die Gliederung der Nerven für die Vorder- und Rückseite des Körpers dargestellt:
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Abbildung 3) Darstellung der sensiblen Versorgungsgebiete in segmentaler Gliederung(Quelle: D. Soyka, Kurzlehrbuch der klinischen Neurologie, Schattauer Verlag, Stuttgart) |
Bei einer Schädigung des Rückenmarkes im Halsmarkbereich tritt bei hoher Lähmung im Gebiet des 2., 3., und 4. Halswirbels eine Atemlähmung auf. Ist das Rückenmark bis zum sechsten Halsnerven intakt, werden die Beugung im Ellbogengelenk und die Streckung der Hand im Handgelenk möglich sein, jedoch keine aktive Fingerbewegungen. Die gesamte Rumpf- und Beinmuskulatur ist dann ebenfalls gelähmt. Bei tiefen Lähmungen an der Lendenwirbelsäule wird oft nur die Kraft für die Fußhebung und -senkung, zusätzlich noch die Kraft für die Hüftstabilisation eingeschränkt sein. Ein "Watschelgang" wäre die Folge, eine Fußschiene ist zusätzlich notwendig.
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Abb. 4:
zeigt die Fraktur (den Bruch) der beiden Wirbelkörper und die Verschiebung des 7. Halswirbelkörpers nach hinten oben; hierdurch erfolgte die Verengung des Rückgratskanales und die Quetschung des Rückenmarkes. [aus Fracturen und Luxationen von H. Helferich, Bd. VIII, 3. Auflage, 1897]. |
Das aus der Greifswalder Klinik 1883 beschriebene tödliche Schicksal von Auguste Ahrens nach Querschnittlähmung war noch bis ca. 1950 auch in Deutschland der übliche Krankheitsverlauf. Erst mit der Zusammenfassung der Verletzten und u.a. der Lagerungsbehandlung zur Vermeidung von Druckgeschwüren der Haut und der Errichtung von Behandlungszentren mit ihren speziellen Methoden konnte eine deutliche Verringerung der Morbidität und Verlängerung der Lebenserwartung nach Querschnittlähmung erreicht werden. Es droht nun aber der Rückfall, quasi in die medizinische Steinzeit in der Behandlung Querschnittgelähmter (vgl. unser Memorandum bzw. die Stellungnahmen der DMGP).
Abb. 6)
Wie aus dem Schaubild ersichtlich ist, machen die Verkehrs- und Arbeitsunfälle die Hauptursachen für eine Querschnittlähmung aus. Unter "Erkrankungen" fallen Gefäßmißbildungen am Rückenmark und Abszessabsiedlungen im Rückenmarkkanal; zahlenmäßig zunehmend sind Tochtergeschwülste (Metastasen) bei bösartigen Tumorleiden. Häufiger können Tumorabsiedlungen bei "Krebs" der Vorsteherdrüse beim Mann, bei Brustkrebs der Frau, bei Lungen-, Nieren-, oder Schilddrüsenkrebs in der Wirbelsäule auftreten. Auch bei Erkrankungen des Nervengewebes, wie bei Multipler Sklerose kann das Bild einer Querschnittlähmung entstehen. Durch Einnahme von blutgerinnungshemmenden Medikamenten kann es zu Einblutungen in den Rückenmarkkanal kommen. Aber auch durch Wirbelsäulen-, Bandscheibenoperationen oder Nervenwasserpunktionen und Rückenmarknarkosen können in selteneren Fällen Lähmungen entstehen.
Vom Grundsatz her kann das Rückenmark bzw. die abgehenden Nerven durch alles, was Druck auf sie ausübt, ob Knochenstücke, eine vorgefallene Bandscheibe, eine Einblutung, ein Abszess oder "drückendes" Tumorgewebe eine Schädigung mit nachfolgendem Funktionsausfall erleiden.
Grundsätzlich kann also jeder, jederzeit an einer Querschnittlähmung erkranken bzw. eine unfallverursachte erleiden und Spezialbehandlung benötigen.
Diese nur beispielhaft genannten und nicht vollzählig aufgeführten Gesundheitsstörungen treten bei Querschnittgelähmten in ihrer komplexen Form akut, zeitlich unkalkulierbar und vor allem für den Patienten wegen der zerstörten Gefühlsempfindung unbemerkt immer wieder während der ersten 6-9 Monate nach Rückenmarkverletzung, in Abhängigkeit von Ausprägung bzw. Höhe der neurologischen Läsion, auf. Die medizinisch ärztliche und pflegerische Überwachung dieser Patientengruppe ist personalintensiv quasi auch auf einer sog. Querschnittstation während der ersten 6-9 Monate im Akutkrankenhaus nur unter den Bedingungen ähnlich einer Intensivstation realisierbar.
Eine sogenannte Frührehabilitation oder die Verkürzung der stationären Verweildauer oder die nicht spezialisierte Behandlung Querschnittgelähmter z.B. in Rehabilitationseinrichtungen führt zu einer nachweislich erheblichen Gesundheitsgefährdung und immer wieder belegt zu einer Minderung der Lebensqualität, Verkürzung der Lebensdauer und gesundheitsökonomisch vermeidbaren erheblichen finanziellen Belastung der Kostenträger.
Konkret ist die Krankenhausbehandlung z.B. eines Sitzbeindruckgeschwüres (Abb. 8a) , welches bei spezialisiert präventiv ausgerichteter Behandlung z.B. bei Versorgung mit individuellen Gel- oder Luftkammersitzkissen nicht aufgetreten wäre - wäre der Patient halt im Querschnittgelähmtenzentrum versorgt worden -, mit plastischer Rekonstruktion und gefäßgestielten Muskelhautlappen (Abb.8b) nur in einem Zentrum sinnvoll möglich.
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Abb. 8a) Druckgeschwür der Beckenregion mit Einbruch in das Hüftgelenk |
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Abb. 8b) Spezielle Lappenplastik zur Deckung des Weichteildefekts |
Bei Tagespflegesätzen zwischen 950.- bis 1.250.- über einen Zeitraum von 4 -8 oder auch 12 Wochen addieren sich allein die stationären Behandlungskosten auf Beträge zwischen 28.500.- bis hin zu 105.000. Problematisch ist die Behandlung einer banalen Druckstelle allein deswegen, da der Patient nichts spürt, die Durchblutung gestört und die Wundheilung infolge hormoneller Entgleisungen verschlechtert ist. Bei Einbruch von infizierten Druckgeschwüre in Körperhöhlen (Bauch oder Blase bzw. Sexualorgane) oder in die Hüftgelenke entstehen die Behandlung erheblich verschlechternde Umstände, die sogar eine intensiv medizinische Behandlung über Monate erfordern.
Die Tatsache der Rollstuhlabhängigkeit und der schweren Körperbehinderung der Rückenmarkverletzten muss bei der Konzeption des Raumprogrammes genauso Berücksichtigung finden, wie ein dem hohen personellen Aufwand angepasste Bereitstellung von Arbeits-, Besprechungs- und Sozialräumen.
Die Verkehrswege des gesamten Krankenhauses und die der Patienten bezogenen Räume orientieren sich an dem erheblichen Platzbedarf der Rollstuhlfahrer und erfordern ein weit über die Normgröße bzw. Planungsdaten der Krankenhäuser hinausgehende Konzeption. Stationsbezogene Mindestausstattungen mit Elektro,- und Spezialbetten, Monitoren, Beatmungsplätzen (Abb. 9), Absauganlagen, Ruf- und Alarmsysteme, Lifter (Abb. 10), Umweltkontroll und Sprachsteuerungen von Kommunikationsanlagen, Vorhaltung von Medien, barrierefreie Sanitärräume usw. gehen weit, selbst über die Belange von Intensivbehandlungseinrichtungen hinaus, müssen aber letztlich auch finanziert werden.
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Abb. 9) Spezialbett mit Beatmungsgerät, Monitor zur Überwachung und Kommunikationsanlage bzw. Überwachungssystem |
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Abb. 10) Speziallift zur Umbettung Schwerstverletzter bzw. bei Folgeerkrankungen und instabilem Kreislaufsystem |
Erhebliche Anforderungen werden an die fachliche, psychische und menschliche Qualifikation des Behandlungsteams gestellt. Keine der in die Behandlung eingebundenen Berufgruppen wird speziell auf die Belange der Querschnittgelähmten hin ausgerichtet ausgebildet. Vielmehr kann Erfahrung in der komplexen Spezialbehandlung, übereinstimmender internationaler Meinung der Leiter der Spezialzentren in der Behandlung Querschnittgelähmter, nur durch langjährige umfassenden Versorgung und Nachbetreuung einer Vielzahl von Querschnittgelähmter allein in den Behandlungszentren erworben werden.
Fall 1:
Ein 18-jähriger junger Mann stürzte beim "Mountain-biking" nach einem Überschlag auf den Kopf und erlitt einen Bruch des 2. Halswirbels; es handelte sich um eine sog. Dens-fraktur. Durch Druck auf das Rückenmark kam es zu einer Armlähmung beidseits, ein "zentrales Halsmarksyndrom" lag vor. Die Gefahr einer Atemlähmung bestand. Durch die Einrichtung und Verschraubung (Abb. 11) kam es zur knöchernen Ausheilung, die Kraft an den Armen und Händen erholte sich im Zeitraum von 4 Monaten nahezu wieder vollständig.
Abb. 11
Fall 2:
Ein Bauarbeiter wird von einem herabstürzenden Balken am Rücken getroffen und erleidet einen Bruch des 12. Brustwirbelkörpers mit Einengung des Rückenmarkkanales und Querschnittlähmung der Beine mit Blasen- und Mastdarmstörung. Der Patient wird in einer auswärtigen Klinik voroperiert, die Einrichtung des Bruches gelingt nicht (Abb. 12). Nach Verlegung in unser Zentrum sofortige Nachoperation mit Wiederherstellen des normalen Wirbelsäulenprofiles und "Befreien" des Rückenmarkes. Da der Wirbelkörper zerstört ist und keine Last mehr aufnehmen kann, wird in einer weiteren Operation der vordere Teil des 12. Brustwirbelkörpers mit einem Titankörbchen rekonstruiert (Abb. 12). Glücklicherweise hat sich die Lähmung soweit zurückgebildet, dass der Verletzte zeitweise aus dem Rollstuhl aufstehen kann.
Abb. 12
Fall 3:
Eine junge Frau hat nach einem Bruch der Wirbelsäule, der nicht operiert wurde eine Fehlstellung mit Zerrüttung einer Bandscheibe an der oberen Lendenwirbelsäule und heftige Rückenschmerzen. Durch eine Operation mit Aufrichtung kann das Wirbelsäulenprofil rekonstruiert und eine Schmerzreduzierung mit deutlich verbesserter Lebensqualität erreicht werden (Abb. 13).
Seit kurzer Zeit besteht bei Wirbelsäulenoperationen die Möglichkeit, mit Hilfe der Computernavigation die Schrauben in den Wirbelkörpern optimal zu platzieren und damit das Risiko einer Fehllage von Schrauben mit weiterer operationsbedingter Schädigung des Rückenmarkes zu minimieren. Eine Millimetergenaue Planung und Operationsdurchführung ist möglich (Abb. 13 d).
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Abb. 13 13 a und b zeigen das Röntgenbild der Wirbelsäulenfehlstellung vor und nach der Operation |
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13c zeigt ein Bild während der Operation mit Schrauben in der Wirbelsäule und den bereits montierten Längsträgern.
Abb. 13d demonstriert die Möglichkeit mit Unterstützung des Computers an der Wirbelsäule navigiert mit hoher Präzision Schrauben zu verankern. |
Derartige moderne Verfahren können leider nach wie vor nicht den Rückenmarkschaden heilen. Trotzdem haben gerade die Behandlungszentren für Querschnittgelähmte historisch in Deutschland die Entwicklung der Wirbelsäulenchirurgie maßgeblich beeinflusst und sind auch in die Entwicklung moderner minimal invasiver Operationsverfahren eingebunden, da gerade Querschnittgelähmte von solchen Techniken eben wie in Fall 3 beschrieben profitieren.
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Abb. 16
Verschiedene, die Akutbehandlung begleitende rehabilitative Maßnahmen im Wasser, Laufband |
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oder in der Sporthalle fließen in die Behandlung zur Vorbereitung der nachstationäre Versorgung der Behinderten ein. |
Gerade bei Wirbelsäulenerkrankungen und -verletzungen mit Rückenmarkdurchtrennung ist es erforderlich, dass die behandelnden Ärzte das gesamte Repertoire der Behandlungsmöglichkeiten kennen und beherrschen, nur dann kann der Patient gezielt und individuell beraten werden. Für die Nachsorge der Patienten ist es erforderlich jederzeit und vor allem zeitlebens im "Paraplegiologen" den nötigen Ansprechpartner zu haben, so dass Spezialambulanzen den Zentren angegliedert zusammen mit den Hausärzten die Weiterbehandlung übernehmen.
Wichtig für die Betroffenen ist Botschaft "das Leben geht weiter". Durch Sportangebote, wie Rollstuhlbasketball, besteht die Möglichkeit andere Betroffene kennen zu lernen, die ihr Leben nach der Verletzung wieder in den Griff bekommen haben.
Bei Betroffenen mit Teillähmung der Arme und Hände kann nach eingehender Beratung und Prüfung der verbliebenen Muskelkraft durch spezielle operative Techniken und z.B. Sehnenumlagerung die Greiffunktion der Hände verbessert werden. Alle Bemühungen zielen darauf ab, das Handicap soweit wie möglich zu vermindern, damit die größtmögliche Selbständigkeit für Patienten erreicht werden kann.
Quelle:
www.qz-halle.de/querschnittzentren.htm
Nov. 2001